Sollten Sie in naher Zukunft eine Kutschfahrt durch Berlin planen, kann es sein, dass sie ein Vize-Europameister im Freistilringen durch die Hauptstadt kutschiert.  Martin Obst erkämpfte bei den Europameisterschaften 2018 in Kaspiisk (RUS) die Silbermedaille im freien Ringkampf, mit dem Berliner, der am Freistil-Stützpunkt in Luckenwalde trainiert, schaffte es nach 11 Jahren erstmals wieder ein Freistilringer in ein EM-Finale. Daher ist die Freude über diese Spitzenleistung im deutschen Lager besonders groß. Dabei muss Martin Obst Sport und Beruf-, aber auch Familie unter einen Hut bekommen, denn der familiengeführte Pferdefuhrbetrieb benötigt ebenfalls seine starken Arme.

Martin Obst (31) ist Ringer, mit 10 Jahren ging er gemeinsam mit seinem 2 Jahre älteren Bruder Roland erstmals zum Training und fand sofort gefallen am ‚fairen Kampf Mann gegen Mann‘. „Einige unserer Schulkameraden haben uns mitgenommen, aber auch unsere Eltern haben uns gedrängt Sport zu machen“, erinnert sich Martin Obst an seine ersten Trainingsstunden beim SV Preussen Berlin, unter seinem ersten Trainer Matthias Ringel. Mit 13 Jahren wechselte er an das Freistil-Leistungszentrum nach Luckenwalde, wo er vom erfahrenen Trainer Reinhard Mehlhorn trainiert wurde. „Im Jugendbereich war ich nicht allzu erfolgreich, nach der 10. Klasse begann ich eine Tischlerlehre“, so Martin Obst zum Beginn seiner leistungssportlichen Laufbahn. 2008 wurde der damalige Bundestrainer Jörg Helmdach auf den kräftigen, und gewandten Athleten aufmerksam und holte ihn in sein Auswahlteam, 2009 bekam Martin Obst eine Stelle in der Bundeswehr-Sportfördergruppe, konnte fortan unter professionellen Bedingungen trainieren. „Es folgte jedoch ein Leistungstief mit der Folge, dass ich aus dem DRB-Auswahlteam ausschied“, gab es für Martin Obst Höhen und Tiefen.
Doch 2015 wollte er es noch einmal wissen. „Ich habe die ganze Zeit im Limit bis 86 kg gerungen, reduzierte dann mein Gewicht auf 74 kg, ohne das es jemand wusste – und wurde Deutscher Meister“, so Obst, der sich damit zurück ins DRB-Auswahlteam kämpfte und auch bei den Weltmeisterschaften in Las Vegas (USA) eine starke Turnierleistung ablieferte. 2016 wiederholte Martin Obst den Coup bei den Deutschen Meisterschaften, kämpfte bei den Europameisterschaften in Riga (LAT) und bestritt zwei- der drei Olympia-Qualifikationsturniere. Dabei schrammte er hauchdünn an einem Startplatz in Rio vorbei. „Beim Europaturnier in Zrenjanin (SRB) verlor ich mit 6:7 gegen meinen georgischen Kontrahenten, der sich dann später das Ticket für Rio holte“, so Martin Obst traurig nach dem geplatzten Traum von Olympia.

2017 gelang ihm bei den Deutschen Meisterschaften das ‚Triple‘, bei den Europameisterschaften 2017 in Novi Sad (SRB) hingegen flog Martin Obst nach nur einem Kampf aus dem Rennen. Das machte er 2018 besser, als Martin Obst bei den kontinentalen Titelkämpfen in Kaspiisk (RUS) nach drei Vorrundenerfolgen im Finale stand und damit Silber sicher hatte. Und selbst der Titel war gegen den Lokalmatadoren Akhmed Gadzhimagomedov (RUS) am Ende des Kampfes noch möglich, denn der 6:0-Vorsprung des russischen Ringers schmolz dahin und Martin Obst holte im Endspurt Punkt für Punkt zum 3:6 auf. „Ich habe gemerkt, dass er schwächer wird, habe den Endspurt vielleicht etwas zu spät angezogen“, währte der Ärger über entgangenes Gold bei Martin Obst nur kurz und wich spätestens bei der Siegerehrung der Freude über EM-Silber.

Doch dann wollte er schnell nach Hause, denn im heimischen Fuhrbetrieb stand gerade am bevorstehenden Feiertag viel Arbeit an. Daher war es um so ärgerlicher, als das Flugzeug von Mahachkala wegen einer technischer Störung erst 8 Stunden später als geplant abhob und die Anschlussflüge von Moskau nach Deutschland alle weg waren. 24 Stunden später empfing den erschöpften-, aber glücklichen Vize-Europameister dann eine kleine Delegation aus Luckenwalde am Flugplatz in Berlin.

„Für mich läuft derzeit alles Bestens, Beruf, Familie, Freundin und natürlich auch der Sport beflügeln mich“, ist Martin Obst mit sich und der Welt zufrieden. Freundin Debora hat sich ebenfalls dem Ringkampfsport verschrieben, trainiert am Leistungsstützpunkt in Frankfurt(O.), kommt wie auch Martin Obst aus Berlin und hat auch schon eine ganze Reihe internationaler Erfolge gesammelt. Bei den Weltmeisterschaften der Junioren 2016 in Macon (FRA) erreichte Debora Lawnitzak in ihrem ersten Juniorenjahr das kleine Finale und wurde WM-Fünfte. „Wir motivieren uns gegenseitig, geben uns bei Wettkämpfen Tipps, es macht richtig Spaß“, so Obst, der aber auch im heimischen Fuhrbetrieb anpackt. „Wir haben den Fuhrbetrieb in der 5. Generation, schon als Kinder haben wir fleißig mit auf dem Hof geholfen“, hat das Fuhrunternehmen heute 25 Pferde, darunter züchtet er mit seinen ‚Traber-Maltrakenern‘ auch eine altpreussische Rasse, die in Deutschland kaum noch vertreten ist. „Nach dem Krieg hat unser Fuhrbetrieb den Schutt aus Berlin abtransportiert, später ist aus dem, dann landwirtschaftlichen Betrieb ein Fuhrunternehmen für Kutschfahrten und Ausflüge geworden“, erzählt Martin Obst die Geschichte des Familienunternehmens, dass in Berlin-Buchholz beheimatet ist. „Da muss Vater Dieter schon eine zusätzliche Kraft einstellen, wenn der Sohn über mehrere Wochen hinweg zu Trainingscamps und Wettkämpfen unterwegs ist. „Mein Vater hat einst selbst vor der Entscheidung zwischen Sport und Beruf gestanden, nun hat er mir seinen eigenen Traum ermöglicht und alle packen dabei mit an“, dankt Martin Obst auch seinem Bruder Roland, seiner jüngeren Schwester Stefanie, die sich dem Reitsport verschrieben hat und natürlich Mutter Birgit für die Unterstützung, ohne die er es wohl nie auf ein Siegerpodium geschafft hätte.

Seinen Ehrgeiz und seine Zielstrebigkeit hat er auch einer weiteren Sportart zu verdanken; „… ich gehe seit drei Jahren Montags in ein Boxgym, wo ich spezielle Kraft und Ausdauer trainiere“, ist für Martin Obst der Boxkampf Adrenalin pur. Einen Boxkampf im Amateurbereich hat er einst absolviert, „… den habe ich durch technischen KO gewonnen“, so der Kämpfer, der sich dann doch lieber auf den Ringkampfsport verlegte.
Im Ligenbetrieb wechselte Martin Obst einst von Preussen Berlin zum SV Luftfahrt Berlin in die 2. Bundesliga, später zum 1. Luckenwalder SC in die höchste Kampfklasse und nach dessen Rückzug, vergangenes Jahr zum Regionalligisten RSV Rotation Greiz. „Dort wurde ich mit offenen Armen empfangen, es macht dort richtig Spaß, die Zuschauer sind sehr begeisterungsfähig“, bleibt der Publikumsliebling auch nach dem Aufstieg der Vogtländer in die DRB-Bundesliga dem RSV Rotation treu.

International setzt sich der frischgebackene Vize-Europameister neue Ziele. „Es war schon einmalig in Kaspiisk, diese Kulisse von etwa 4000 begeisterten Ringkampffans, dieses Flair, diese Stimmung, das motiviert schon, nochmal richtig anzupacken“, möchte der 31-jährige Routinier bei einer internationalen Meisterschaft nun auch am liebsten einmal die eigene Nationalhymne hören.