Bei den Weltmeisterschaften, die in Nur-Sultan ausgetragen werden, greifen ab Dienstag die Frauen in die Kämpfe um die Titel und Medaillen, aber auch um Olympia-Quotenplätze ein. Dabei ist der Frauenringkampf eine noch sehr junge olympische Disziplin. Erst 2004 in Athen betraten die Frauen die olympische Bühne. Die ersten, offiziellen Weltmeisterschaften trugen die Ringerfrauen 1987 in Lorenskog (Norwegen) aus, führende Nationen waren in den Anfangsjahren Frankreich, Japan, Norwegen, aber auch Deutschland.

Bei den Frauen ist es Aline Rotter-Focken, auf deren Schultern in Nur-Sultan die größten Medaillenhoffnungen ruhen. 2014 stand die heute 28-Jährige schon einmal bei einer Weltmeisterschaft auf dem obersten Treppchen, in Taschkent (Uzbekistan) feierte die Ringerin vom KSV Krefeld damals ihren bis dato größten Erfolg. 2015 ließ Aline Rotter-Focken Bronze in Las Vegas (USA) folgen, bei den Olympischen Spielen in Rio konnte sie sich allerdings nicht unter die Besten ihrer Gewichtsklasse schieben und kam über den neunten Platz nicht hinaus. 2017 holte sie in Paris WM-Silber, stieg ein Jahr später ins schwerste Limit bis 76 Kilo auf, wo Aline Rotter-Focken bei den diesjährigen Europameisterschaften in Bukarest mit Bronze schon einmal den Fuß in die Tür zur neuen Gewichtskategorie stellte.

Bundestrainer Patrick Loes reist mit voller Mannschaft nach Nur-Sultan, auf die er sich gemeinsam mit seinen Trainerkollegen, sowie Sportdirektor Jannis Zamanduridis festlegte. „Wir lassen die Bundestrainer in den drei Stilarten mit den Entscheidungen nicht allein“, unterstützt und berät sich Zamanduridis mit dem Trainerstab aller drei Stilarten, wobei Trainings- und Wettkampfleistung der letzten Monate, aber auch individuelle Stärken der Athletinnen und Athleten zur Nominierung herangezogen werden.

Luisa Niemesch und Nina Hemmer gehören dabei ebenso wie Aline Rotter-Focken zu den erfahrenen Ringerfrauen, die auch schon zahlreiche Meisterschaftsmedaillen erkämpft haben. Die 26-jährige Nina Hemmer feierte im Vorjahr den Titelgewinn bei den Militär-Weltmeisterschaften und holte im Juni diesen Jahres Bronze bei den European Games in Minsk (Weißrussland) – doch das nur die letzten Erfolge der Sportsoldatin, die seit 2008 auf internationalen Ringermatten erfolgreich um Meisterschaftsmedaillen kämpft.

Luisa Niemesch feierte erst kürzlich ihren 24. Geburtstag. Die Ringerin aus Weingarten kann ebenfalls auf eine lange Erfolgskette zurückblicken. Im Vorjahr feierte sie den Gewinn der Bronzemedaille bei den Europameisterschaften in der Altersklasse U23, in diesem Jahr setzte sie sich beim Grand Prix von Deutschland gegen internationale Konkurrenz durch. Ganz nah dran an einer WM-Medaille war Niemesch 2017 in Paris, wo sie das kleine Finale um Bronze Sekunden vor Kampfende unglücklich verlor.

Mit Ellen Riesterer, Elena Brugger und Annika Wendle wurden drei junge Ringerinnen nominiert, die im Nachwuchsbereich bis hin zur Altersklasse der U23 sehr gute Leistungen nachwiesen, vor allem kämpferisch überzeugten und die nun als neue Hoffnungsträger im Frauenbereich gelten.

Gleiches gilt für Anna Schell, die sich im innerdeutschen Vergleich gegen Maria Selmaier vom KSC Apolda durchsetzte und bei den Europameisterschaften 2019 der Frauen in diesem Jahr überraschend die Silbermedaille gewann.

Sandra Paruszewski hingegen gehört zu der Athletin, die schon einige Welt- und Europameisterschaften bestritten haben, der Durchbruch gelang der Ringerin vom AV Sulgen bislang noch nicht.

Das Niveau bei den Frauen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, großen Anteil daran haben die Ringerinnen aus Japan, die dem Frauenringen ihren Stempel aufdrücken. Russland, die Ukraine, China, die Türkei, aber auch die Athletinnen aus den USA, Kanada und zuletzt zunehmend aus Mittelamerika bieten den Japanerinnen die Stirn, können die Dominanz der Athletinnen aus dem Land der aufgehenden Sonne nur selten durchbrechen. Doch die Breite, leistungsstarker Nationen, ist damit in den letzten Jahren deutlich größer geworden, was es für die deutschen Ringerdamen nicht einfacher macht, in Medaillenbereiche vorzustoßen.

Unter Präsident Nenad Lalovic (SRB), der seit 2013 die Geschicke des Ringer-Weltverbandes leitet und viele Reformen umsetzte, erlebte auch der Frauenringkampf großen Aufschwung. Waren es 2004 in Athen noch vier olympische Gewichtsklassen, so können die Frauen seit 2016 in Rio in sechs Kategorien Edelmetall erkämpfen und sind damit mit den Männern aus dem freien und griechisch-römischen Stil gleichgestellt, die erneut olympische Gewichtsklassen abgeben mussten, dafür aber die nichtolympischen Kategorien aufstockten.

Die deutschen Ringer-Frauen in Nur-Sultan:

50 kg: Ellen Riesterer (SV Freiburg-Haslach)
53 kg: Nina Hemmer (AC Ückerath)
55 kg: Annika Wendle (ASV Altenheim)
57 kg: Elena Brugger (TuS Adelhausen)
59 kg: Sandra Paruszewski (AV Sulgen)
62 kg: Luisa Niemesch (SV Germania Weingarten)
68 kg: Anna Schell (SC Isaria Unterföhring)
76 kg: Aline Rotter-Focken (KSV Krefeld)

Bild: Aline Rotter-Focken (rechts im Bild) gewann 2019 die Bronze-Medaille bei der EM in Bukarest. Foto: Jörg Richter