Tallinn – Die Weltmeisterschaften der Junioren in Tallinn sind Geschichte, die Generation ‚Olympia 2024‘ hat in Estland ihre Visitenkarte abgelegt.
Die deutsche Delegation reist mit Bronze durch Ertugrul Agca (92 kg/TV Essen-Dellwig) und Silber wieder nach Hause, dass durch Patrick Neumaier (97 kg/KSV Hofstetten) am Sonntagabend, im letzten Duell der WM überhaupt erkämpft wurde.

Dazu gab es noch eine ganze Reihe Anschlussleistungen, wobei gerade durch Lucas Lazogianis (82 kg/WKG Weilimdorf), aber auch Anastasia Blayvas (55 kg/KFC Leipzig) weitere Medaillen durchaus im Bereich des Möglichen lagen. Weitere Athleten aus den drei deutschen Teams fielen durch Kampfgeist auf, scheiterten jedoch an stärkeren Gegnern, das ist Sport, muss man akzeptieren – aufstehen und weitermachen.

Insgesamt fiel auf, dass sich bei den Stilarten der jungen Männer einiges zu Gunsten der Griechisch-Römisch-Ringer verschoben hat. Warf man dem griechisch-römischen Ringkampf vor einigen Jahren noch vor, nur den Gegner aus der Kampffläche zu schieben, so fiel nun bei den Freistilringern eine ruhigere und abwartende Kampftaktik auf. Hier haben die Konterringer das Zepter in der Hand, ein unvorbereiteter Angriff (und davon gab es viele) und die Punkte landeten auf der Habenseite des Gegners. Die richtigen Leckerbissen gab es ab Halbfinale, wo dann doch mit offenem Visier gerungen werden musste. Da lieferte auch Ertugrul Agca eine Glanzleistung ab und reihte sich völlig verdient in die Schar der Medaillengewinner ein.
„Ich bin zufrieden, die Jungs haben die Kämpfe gewonnen, die sie auch gewinnen konnten und Ertugrul Agca hat mit der Medaille den I-Punkt gesetzt“, so Bundestrainer Marcel Ewald, der im Vorjahr viele Niederlagen verkraften musste, aber nun eine stattliche Anzahl von Siegen seiner Schützlinge verbuchen konnte. Beeindruckt zeigte sich Ewald vom Zusammenhalt seiner Mannschaft – der nicht immer so war, „… das hat hier richtig Spaß gemacht“, reiste Marcel Ewald mit einem guten Gefühl nach Hause zurück.
Zum Positiven hat sich das Geschehen im griechisch-römischen Stil entwickelt, hier wurde von der ersten Sekunde an gewühlt, geackert und gepunktet. Mitten drin auch die deutschen Athleten, allen voran auch Erik Löser (72 kg/RSK Gelenau), der durch sehenswerte Ausheber und Würfe glänzte. „Das ist es doch, was wir sehen wollen“, lobte auch DRB-Sportdirektor Jannis Zamanduridis den Erzgebirger, der dann jedoch im Viertelfinale unterlag und ausschied.
Ein lachendes und ein weinendes Auge hatte Bundestrainer Maik Bullmann unmittelbar nach dem WM-Turnier. Die Silbermedaille durch Patrick Neumaier ging für Bullmann völlig in Ordnung, dagegen lag ihm die knappe 7:8-Niederlage von Lucas Lazogianis im kleinen Finale um Bronze schwer im Magen. „Wehrt er eine der drei Rollen im Bodenkampf ab, kann er den kampf noch gewinnen“, so Bullmann.

Bei den Juniorinnen gab es eine beeindruckende-, ja beängstigende Dominanz der Japanerinnen. Steht die Frage im Raum, was machen die Japanerinnen anders als der Rest der Ringer-Damenwelt… Hier spielt sicher die Trainingshäufigkeit, aber auch die Intensität eine Rolle. Selbst die starken russischen Ringerinnen, aber auch die jungen Athletinnen aus der Ukraine, die in Europa das Bild des Frauenringens bestimmen, blieben chancenlos im Feld der Geschlagenen zurück. Acht mal WM-Gold, zwei Bronzemedaillen, so die Bilanz der Juniorinnen aus dem Land der aufgehenden Sonne, die damit natürlich die gesamte Halle gegen sich hatten, denn die Besucher, Athleten, Trainer und Funktionäre aller anderen Nationen wollten auch mal eine andere Nationalhymne hören. Die Übermacht war einfach zu groß – und das waren ‚nur‘ die Juniorinnen, da kann man sich schon auf die Frauenwettkämpfe bei den Olympischen Spielen in Tokio freuen – wenn man Fan der Japanerinnen ist.
Doch diese Dominanz hat auch eine negative Seite, denn viele – vor allem westeuropäische Verbände schicken gar keine Frauen mehr zu internationalen Meisterschaften, denn auch der Weltverband greift bei Start- und Lizenzgebüren ordentlich zu. Und wenn die Damen dann nach einer Niederlage die Heimreise antreten müssen ist das bedauerlich, zudem viele Verbände – wie auch der Deutsche Ringer- Bund nach Erfolgen abgerechnet werden.

Eine weitere, sehr positive Seite dieser nun vergangenen Weltmeisterschaft war die Organisation. UWW-Präsident Nenad Lalovic versprach bei seiner Eröffnungsrede, dass man in Estland nicht wieder 81 Jahre auf die Vergabe einer internationalen Meisterschaft warten muss. Verdient haben sich die Organisatoren dieser Weltmeisterschaft in der Tondiraba Jäähall, die sonst als Eishockeyhalle und Heimstatt der Tallinn Tornados dient, jedenfalls Bestnoten.